
Marianne Mutter Wappelshammer
Aufgeregt frägt sie mich zum 2. mal, wie das denn jetzt mit dem Brennen vor sich gehe.
Ich erkläre ihr nochmals, daß ich unter dem PC ein Lagerfeuer entfachen, die Schriftstücke einzeln und sorgfältig nach aufsteigender Seitenanzahl sortiert, akribisch genau gegen Osten ausgerichtet, in jenes einlege, nach deren vollständigem Zerfall zu mikrofeiner Asche einen CD-Rohling dem DVD-Brenner zuführe und mittels des vorinstallierten Brenn-Programmes die Seiten nach und nach auf der CD - für alle Zeiten digital gespeichert - verewigen werde. Danach könne man sie wieder ausdrucken, ihre Augen leuchten auf, mit Drucken kennt sie sich aus, den Druckmodus des All-In-One benützt sie laufend, wenn er auch gerade wiedermal nicht funktioniert, weil sie durch ihre Experimentierfreudigkeit zum wiederholten Male eine proprietäre Einstellung verändert hat.
Derweilen bediene ich den störrischen, benutzerunfreundlichen Scanner, lege A5-Blatt um A5-Blatt paarweise auf die Glasplatte, klappe den Deckel auf und wieder zu, versuche konzentriert, die Seiten in logischer Reihenfolge zu speichern, wobei ich die links liegende zum stetig wachsenden Stoß der erledigten lege, während ich gleichzeitig die rechts liegende wende und nach links schiebe, trenne die nächste Seite mit einem entschlossenen Ruck von der schlecht zupackenden Klebung des vorliegenden Gedichtbändchens, lege sie mit der benachbarten Seitennummer nach unten, an der vorderen rechten Ecke der Glasplatte ein und richte den danebenliegenden Text im dazu passenden Winkel aus.
Diesmal wird es ein richtiges Buch.
Das lyrische Erstlingswerk wird vermischt und ergänzt mit Erfühltem, Erlittenem, Wunschgeträumtem und den aufgearbeiteten Gedanken an nichterfüllte und nichterfüllbare Wünsche der vergangenen fünfzig Jahre, weil dieses Leben nun ein anderes geworden ist. Mutter Wappelshammer zählt heuer 84 Lenze, doch ihr Tatendrang und ihre Lebendigkeit sind ungebrochen. Sie erzählt mir, daß sie sich nicht niederknien dürfe, weil sie ohne Hilfe nicht aufstehen würde können; dabei hat sie ein breites Grinsen im Gesicht, das einem Mädchen, das ihrer besten Freundin von der lange ersehnten und zwar ängstlich, schlußendlich aber doch gestellten Frage ihres Freundes erzählt, ob sie mit ihm gemeinsam auf Urlaub fahren wolle, alle Ehre machte.
Ich überfliege die Seiten, während ich die Größe des zu scannenden Bildes in der Vorschau justiere und werde aufmerksam ob des transportierten Inhaltes der Gedichte. Da sind keine Peinlichkeiten zu entdecken, da ist nur knallharte Realität, die beinahe unheimlich nett, auch immer in einen Schuß Selbstironie verpackt wird. Zweifellos sind die Gedichte, die ich überflog, lyrisch wertvoll.
Zufällig kommt das Gespräch auf Andersen, dessen beide Vornamen uns nicht gleich einfallen, aber ich muß Wiki nicht bemühen und Mutter Wappelshammer klärt die Verlegenheit, indem sie einen Leseband aus ihrer Bibliothek holt. Richtig, Hans Christian waren die beiden Namen, nach denen wir suchten.
Sie beginnt, mir daraus vorzulesen - ich höre von einer Hexe, die einen Soldaten in einen Brunnen hinabsteigen läßt, damit jener ihr das hinabgefallene Feuerzeug gegen ein versprochenes Entgelt wiederbringen möge und den Erlebnissen, welche dieser mit den drei Ebenen der seinerselbst geldgefüllten Taschen mit Bronze, Silber und Gold, mit den verschiedenen, einschließlich wagenradgroßer, aber immer glühender Augen der hündischen Wächter hat, ebenfalls magische drei an der Zahl. Das vergessene Feuerzeug beim Aufstieg aus dem Schacht bringt ihm keine Sanktionen ein, er muß die Leiter nur nochmals hinabklettern und zurück.
Leise fluchend scanne ich die drittletzte Seite zum vierten mal ein, weil meine Konzentration auf die ziemlich mechanisch gewordenen Abläufe des Auf- und Zudeckelns, Wendens, Verschiebens und Teilens durch die ungewöhnliche Geschichte gelitten hat. Ich unterbreche die gekonnt gebrachte Darbietung von Mutter Wappelshammer, indem ich meine, dies wäre eine Geschichte, die vermutlich nicht zum Anhören durch Kinder geschrieben wurde. Sie meint dazu, daß Märchen so und so keine Sache wären, mit denen man Kinder belasten solle.
Dann scanne ich noch ein paar Tusche-Zeichnungen aus der gleichen Feder ein, welche das vorliegende Werk optisch garnieren werden. Wenn das mit Schreiben nichts wäre, könnte Mutter Wappelshammer ihre Ausdruckskraft getrost als Buch-Illustratorin einsetzen. Man merkt beim Betrachten gleich, daß die künstlerische Hand die schwierige Schwarz-Weiß - Disziplin ausgezeichnet beherrscht - und die, nebenbei bemerkt, auch ausdrucksstarke Aquarelle und Ölgemälde zaubern kann.
Ob sie mir NUN etwas zu essen anbieten könne, frägt sie mich wieder, wie schon gleich nach meiner Ankunft und ich vertröste sie auf einen späteren Zeitpunkt. Sie entgegnet, daß sie dann vielleicht zu müde wäre, um mir Genießbares zuzubereiten, es ist beinahe 22 h und ich gebe zu, die mir angebotenen Brote nicht gleich in mich hineinstopfen zu müssen, sie werden ja nicht kalt. Also bringt sie die Brote und Fruchtsaft gleich, ich habe schon einen ganzen Arbeitstag hinter mir, beginne eben selbst müde zu werden, also ist es mir auch bald recht so.
Dann frägt sie mich nach dem Preis der Arbeit, die ich für sie erledige, sie hat noch nie gescannt, daher lehnte ich ihre aktive Mithilfe gleich zu Beginn ab; sie verfolgt meine Tätigkeit aufmerksam und hat vermutlich die entscheidenden Handgriffe im Gedächtnis behalten. Ich nenne ihr eine unglaubwürdig hohe Summe und sie entgegnet lapidar, sie müsse mir mein Honorar sowieso schuldig bleiben, da sie ihr Taschengeld, welches ihr für persönliche Belange bleibt, bereits ausgegeben habe. Es ist ein Spiel, das wir schon eine Weile so treiben, mitunter besteht sie darauf, daß ich die Summe nehme, die sie mir anbietet, sie ist großzügig in finanziellen Dingen, redet nicht über die Freiheit des Geistes, legt ihm keine monetären Fesseln an.
Dann sind die Worte und Bilder im Kasten und ich bereite die Datensicherung auf dem externen Brenner vor. Mutter Wappelhammers Museumsstück ist eine Windows 2000-Maschine, hat keinen CD-Brenner, aber 2 funktionierende USB-Anschlüsse, das reicht. Während ich mein Gerät anschließe, erzählt sie mir von ihren Erlebnissen, wenn sie nächtens erwacht. Manchesmal sieht sie sich von orangefarbenen Vorhängen umringt, die von der Decke bis zum Boden reichen und erst verschwinden, wenn sie danach greift. Oder sie sieht aus ihrer horizontalen Perspektive den im rechten Winkel einen dreiviertel Meter vorspringenden Wandteil als Haus mit spitzem Giebel, die Wände bestehen aus wallendem Stoff, die aufgeweichte Realität wird vielleicht durch eine unruhige Lichtspiegelung von draußen erzeugt, ich habe sie auch gesehen. Oder sie sieht in der Nähe der Eingangstüre ihres Appartments einen schwarzen Hund, dessen Konturen kurze Zeit darauf mit einem schwarzhaarigen Mädchen verschmelzen, worauf sich die Türe öffnet und die ungeliebte Schwester ihren Kopf in schräger Haltung clownesk hereinstreckt. Das alles wirke schon ein wenig bedrohlich, erläutert sie.
Der Brennvorgang selbst hat Mutter Wappelshammer ein bißchen enttäuscht, sie dachte, er wäre spektakulärer.
Am Montag wird sie sich für ein paar Tage ins Krankenhaus begeben, um sich ein wenig auszurasten, wie sie es nennt.
Die Druckerei hat mir heute abend mitgeteilt, daß die Scans unbrauchbar wären, da die Buchstaben der Original-Vorlage teilweise nur halb vorhanden und manche Worte dadurch unleserlich sind. Ich werde den Text des Bändchens abschreiben müssen, soll das Buch in dem dafür vorgesehenen Zeitrahmen erscheinen.
meine grüße an dich
wie scheue verirrte vögel
umflattern verlassene futterplätze
unter den hohen ulmen
und doch noch froh - fast glücklich
dort zu sein
dein sturmwind vertrieb sie
wie dürre äste
sie wollten zu dir -
du hast sie totgeschwiegen
marianne©wappelshammer
