Mittwoch, 1. August 2007

Tag 4

Auszug aus „4444 Kilometer Traurigkeit – Suche nach einer Landkarte“ ©°lp°

Tag 4

Ein neuer Tag, er beginnt mit Hitze.

Heute möchte ich Euböa erreichen, was von der Entfernung her gesehen, kein Problem sein sollte; es dürften lediglich etwa 200 km zu meinem Urlaubsziel verbleiben. Ich nehme die Autobahn, die als einzige der sich anbietenden Straßen in jene Richtung zu führen scheint, in die ich nach dem Stand der Sonne will; in der Euböa liegen muß. Die ebenfalls vorhandene Landesstraße führt eindeutig Richtung Westen und damit in die sich innerhalb meines Blickfeldes gewaltig auftürmenden Berge.

Nach 500 Metern halte ich am „toll-post“, dessen grellorange Beleuchtungskörper mir vergangene Nacht beim Aufbau des Feldbettes so grandiose Dienste leisteten. Ich krame im oberen Fach des Tankrucksackes nach dem obligaten Euro, dem Einheitspreis für griechische Autobahnpassagen jedweder Länge. Überraschung: die Kasseuse winkt mich freundlich lächelnd durch. Ich habe einen Tag erwischt, an dem die Autobahngebühr für mich entfällt. Das wird mir auf der Heimreise noch zweimal passieren. *Eine griechisch-gastfreundliche Vorgangsweise* denke ich und fühle mich dabei so wohl wie vor 20 Jahren, als ich Griechenland und dessen Menschen kennen und lieben lernte. Die ‚verlorengegangene’ Landesstraße habe ich auch gleich wieder gefunden, denn die Autobahn endet kurz hinter den Mautgebäuden. Dies bedeutet ab sofort Gegenverkehr und Schrittempo für alle in jene Richtung, in welche ich will. *Wollen die alle nach Euböa ?*, frage ich den imaginären Reiseleiter und konstatiere dazu ergänzend: *das sind alles griechische Kennzeichentafeln, die Leute könnten sich dieses Stück Land auch zu einem anderen Zeitpunkt ansehen…* Der Seitenstreifen – ein schmales, asphaltiertes Bankett – ist breit genug für die Ténéré und ich tuckere auf diesem mit etwa 60 kmh an der schneckenden Kolonne vorbei, überhole Fährenladung um Fährenladung voll inselwütiger Griechen und bin bald wieder zufrieden. Niemand schimpft, hupt mir seinen Ingrimm über die eigene Verdammnis nach, in der Hitze schleichend dahinschmelzen zu müssen, oder wundert sich, extrovertiert den Kopf schüttelnd.

Motorradfahrer scheinen in GR einen Sonderstatus zu genießen, so lange sie sich an das landesübliche Reglement halten: so dürfen zb doppelte Sperrlinien in nur halb einsehbaren Kurven überfahren und es darf links ODER rechts überholt werden, wenn die Situation für alle Beteiligten übersichtlich bleibt. Im Gegenzug wird prinzipiell auf dem selben Fahrstreifen überholt, auf welchem man sich selbst auch befindet. Sogar im Fall der bepackten Ténéré und einer Breite von gut einem Meter mit Zelt und Seitenkoffern, schafften dies etliche Fahrkünstler – meist mußten dabei aber auch meine IT-Künste auf dem Gebiet der temporären Virtual-Verbreiterung griechischer, aber auch bulgarischer, rumänischer und albanischer Fahrstreifen herhalten.

Die Landschaft hier ist nicht mehr so flach, wie da, wo die Straße nach Süden ziemlich direkt am Meer entlang führt. Dicht ineinandergereiht, schmiegt sich ein kleiner Hügel in den nächsten und die Straße schlängelt sich serpentinenartig an ihnen entlang. Nach einer guten Weile taucht rechts ein Hinweisschild auf eine der vielen, mit mehr oder weniger schutzpatronierten Heiligen versehenen Quellen auf.

Ich halte an und fülle meine australische 4-Liter-Trommel, nachdem ein griechischer Zigeuner – jene, andernlandes meist schlecht behandelte Volksgruppe ist schon lange und bemerkenswert gut in die griechische Gesellschaft integriert – die Session „mittlere Überschwemmung auf einem Parkplatz neben Quelle“ durch ein halbes Vollbad, auch eines seiner Frau und des LKW´s, nebst selbstverständlicher Befüllung des unterhalb der Ladefläche montierten Sippen-Wassertankes, sowie gründlicher Reinigung des Geschirres vom letzten Fest, zelebriert hatte.

Das Wasser schmeckt tatsächlich ausgezeichnet. Es ist ein ständiges Ankommen und Abfahren an der Quelle, das ich von einem aus dicken Balken gezimmerten Tisch-mit-Bank aus beobachte. Das vorhandene Mobiliar nutze ich, um das letzte, noch in Bulgarien gekaufte und stark geräucherte Frankfurter Würstchen samt der letzten beiden, ursprünglich in Sonnenblumenform angeordneten 7-Stück-Semmeln, zu verspeisen – es schmeckt alles noch einwandfrei.

Mit einem LKW-Fahrer, der sicher 50 Glasflaschen befüllt, komme ich ins Gespräch. Er erzählt mir, daß er es zu Hause zum Kochen und natürlich Trinken verwende. Das hauseigene Brunnenwasser wäre zwar in Ordnung, aber Speisen und Mix-Getränke wären bei Verwendung des Quellwassers ungleich schmackhafter.

Nach der Weiterfahrt verflacht sich die Landschaft bald und droht, in eine weite Ebene überzugehen, mit spärlichen Reizen für Augen und Hirn. Ich beschließe, meinen Weg über Larissa auf der Autobahn fortzusetzen – so wird der einzige Zylinder der XT immerhin kontinuierlich gekühlt, soweit man von ‚Kühlung’ bei 40° Celsius überhaupt noch sprechen darf.

Es war eine gute Wahl: die Landesstraße führt kilometerweit parallel zur Autobahn, mit beinahe genauso wenig optischer Abwechslung, aber eindeutig mehr Schlaglöchern und von Traktorreifen aufgewirbeltem Staub, der manchesmal als dünner Nebel bis auf die Fahrbahnen der Autobahn wabert. Spontan beschließe ich, als der Wegweiser nach Volos entlang des heißen Betonbandes auftaucht, diese Abfahrt zu nehmen und von da aus wieder der Küstenlinie zu folgen, wo ich von Glyfa aus nach Euböa übersetzen würde können. Außerdem wäre die Insel bald linkerhand meiner Fortbewegungsrichtung zu sehen, ein nettes Animo.

Auf dem etwa 8 Kilometer langen Zubringer suche ich vergeblich nach einer Straße, die eine Umfahrung von Volos signalisiert hätte; also würde ich die Suche wieder einmal von einem Stadt-Zentrum aus starten müssen.

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Ich kenne Volos ein bißchen.

Vor etlichen Jahren war ich mit Frau und 3-jährigem Söhnchen losgezogen, um mit einem selbstgebauten, 4,50 Meter langen Segelkatamaran von der Halbinsel Pilion aus die nördlichen Sporaden zu befahren. Sie liegen relativ dicht unter der Küste und ich rechnete mir aus, sie bei passendem Wind mit kalkulierbarem, annehmbarem Risiko gut erreichen zu können. Geplant war, im nächstbesten Ort jenseits von Volos den Kat zu wassern, Auto samt Hänger unterzustellen und die Reise auf eigenem Kiel fortzusetzen.

Das Vorhaben war vorübergehend in Frage zu stellen, da kurz vor Volos der Anhänger in Stücke zu zerfallen drohte. Ein griechischer Taxifahrer mit einem der neuesten Mini-Toyotas in griechischblau, machte mich, als ich an einer roten Ampel kurz vor der Stadteinfahrt anhalten mußte, durch Gebärdensprache und von mir vermutetem Ausländergriechisch, aus dem ich die öfters wiederholten Worte „ochi kalos“ phonetisch extrahieren konnte, darauf aufmerksam, daß „da hinten etwas nicht in Ordnung wäre“.

Der Anhänger war eine krasse Fehlkonstruktion gewesen und hatte die unablässigen Stöße der jugoslawischen Autoput bei der Anreise nicht verkraftet. Er war eine Kastenrahmenkonstruktion auf einer ungefederten Achse – das mußte früher oder später schiefgehen. Ich hatte ihn im Paket mit dem Selbstbau-Boot erworben und mir vom Vorbesitzer glaubhaft versichern lassen, daß die Konstruktion und Dimensionierung der Bauteile ausreichend sicher war.

Die metallverarbeitenden und sonstigen Schwerlast-Betriebe sind links und rechts der ziemlich steil nach unten führenden, mittlerweile auf 4 Spuren in die Breite gewachsenen Einfallsstraße nach Volos angesiedelt – damals wie heute. Ich begab mich also, ob Gedeih oder Verderb, würde sich zeigen, in die Hände des nächsten, ziemlich in der Nähe arbeitenden Schlossereibetriebes. Meister samt Helfer sahen sich erst mißbilligend und kopfschüttelnd das Problem an, entschieden dann aber, Abhilfe schaffen zu können. Sie schickten uns zum Mittagessen in ein sich in der Nähe befindendes Restaurant mit dem Versprechen, sie würden schon eine Lösung finden. Wir sollten in 2 – 3 Stunden wiederkommen…

Nach ausgiebiger Völlerei mit gebratenem Lammfaschiertem, dem obligaten Griechensalat und 1 oder 2 Sud-Kaffes, staunten wir bei unserer Rückkehr nicht schlecht, welch konstruktiv grundlegende Veränderung unser Tragtier erlitten hatte: Meister und Geselle hatten kurzerhand alle Verbindungen, die sie für überflüssig hielten, weggetrennt. Bei mir kam ein Gefühl auf, wie etwa: eine Langhaarkatze zum Waschen und Frisieren gegeben zu haben und sie nun mit Glatze wiederzubekommen. Anstelle der zahlreichen Vierkantprofile waren 2 von vorne bis hinten parallel zueinander laufende L-Profile als die hauptsächlich tragenden Teile angeschweißt worden, welche sich bei der kleinsten Berührung wippend auf und ab bewegten. Wir hatten ab sofort eine einfache Federung und etliche Kilo weniger an Gewicht zu schleppen – hmm… Vorerst war ich skeptisch, ließ mich aber schnell von der ausgezeichneten Funktionalität der Neukonstruktion nach Beladen des Anhängers mit dem Boot per Hand – zu dem die gesamte handschwerarbeitende männliche Umgebung per Zuruf und Handzeichen eingeladen wurde – überzeugen.

Die folgende Erkundung der griechischen Inselwelt, die Heimreise und der Verkauf des Bootes samt intaktem Trailer, viele Jahre später, gestalteten sich so, wie man es sich wünscht.

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Die Beschilderung Richtung Hafen ignoriere ich, von dort führt kein Weg aus der Stadt hinaus – außer der über See – das weiß ich bereits. Die Schilder, welche den Weg Richtung Pilion weisen, helfen mir nur indirekt, denn dies ist die exakte Gegenrichtung, in welche ich mein Vorderrad zu lenken beabsichtige. Die gesuchte Straße offenbart sich mir ZU plötzlich durch ein Schild mit der von mir hierorts nicht erwarteten Aufschrift „Athinai“ in griechischen Buchstaben und IN der Straße, die ich rechtsblickend soeben passiere - schon bin ich daran vorbei. OK, verpaßt, wer ahnt denn so etwas… Also nächste Möglichkeit rechts, dann wieder rechts, nächste Ampel links – eine Dreieckswende sozusagen – ich male mir im Geiste aus, nur nochmals links abbiegen zu müssen und schon wäre ich am Beginn jener Straße, die laut Ankündigung bis Athen führt. *Geschafft.* meine ich im Stillen. *Das Herausfinden aus Städten war schon mal mühsamer* und denke dabei an Sofia.

An der ersten Ampel, an der ich nach links abbiege, ist Geduld angesagt. Es handelt sich um eine winzige Nebenstraße, die gegen das Verkehrsaufkommen der Hauptdurchzugsstraße von Volos konkurrieren muß. Dementsprechend lange ist die Wartezeit, 2 Minuten oder länger. Vielleicht fällt mir deswegen ein hinter mir stehendes Taxi auf, das mir ungewöhnlich alt für ein solches erscheint. Die Lackierung ist ein von der Sonne ausgezehrtes und kraftlos wirkendes hellblau, es könnte sich um den Originallack handeln. Sonst wirkt der kleine Toyota 1200, Baujahr um 1980, durchaus gepflegt. Der Fahrer steuert den Oldtimer über die zweite Ampel ebenfalls nach links und ich schließe Wetten mit mir selbst ab, wie weit in meiner Richtung er vielleicht kommen könnte.

Unmittelbar nach dem Abbiegen beginnt er, mit kurz aufeinanderfolgenden, aber nicht aufgeregt klingenden Huptönen, auf sich aufmerksam zu machen. Er schafft es, bei jeder Betätigung des Hupknopfes, die Dauer des jeweils nachfolgenden Tones zu verkürzen, ohne dabei die Wiederholfrequenz zu erhöhen. Die Straße ist zweispurig und der Verkehr dicht, aber durch konzentriertes, äußerstes Rechtsfahren ermögliche ich es ihm, an mir vorbeizukommen. Als sich der Aufbau des Wagens unmittelbar neben mir befindet, drehe ich den Kopf nach links und blicke, ohne daß eine Seitenscheibe die Sicht beeinträchtigen würde, ungehindert in ein etwa 65-jähriges, männliches, allenfalls griechisches Gesicht, umrahmt von schlohweißen, halblangen Haaren, wie diese Generation sie gerne trägt. Der Innenspiegel dient dem obligaten Rosenkranz in Holzperlenausführung als Aufhängepunkt, von dem aus er nervös herabpendelt. Als sich unsere Blicke beim zeitlupengleichen Vorbeigleiten treffen, läßt der Fahrer den ausgestreckten Zeigefinger der linken, nach vorne gerichteten Hand, mehrmals und sehr langsam auf den darunter liegenden Daumen fallen. Dieses Zeichen wiederholt er im Abstand von etwa einer Sekunde so lange, bis er den Kopf weiter als bis zur Schulter hätte drehen müssen, um mit mir Blickkontakt halten zu können. Ich weiß, daß er mir mit diesem Zeichen eine tropfende Stelle an der Ténéré anzeigen will und ahne auch gleich, welche er meint. *Klar tropft es*, denke ich mir grinsend und: *ich bin heilfroh, so lange es dies tut…* und grinse dabei in Gedanken noch ein wenig mehr… Rasch bedanke ich mich für die mir erwiesene Aufmerksamkeit mit nach vorne gestreckter Grußhand, bevor mich der Geschwindigkeitsunterschied gänzlich seinem Blickfeld entreißt und biege in die nächste Seitenstraße ab.

Ich hatte dem Motorrad für lange Distanzen eine so genannte Frischölschmierung für die Antriebskette verpaßt. Dabei wird Öl – ich verwende ein umweltfreundliches Rhapsöl, das mir hilft, kein schlechtes Gewissen vonwegen Umweltbelastung haben zu müssen – per einstellbarem Portionierer und Schlauchleitung auf die Antriebskette geträufelt. 1-2 Tropfen pro Minute sind dabei sinnvoll, bei Stadtfahrten reicht auch eine etwas kleinere Durchflußmenge, da naturgemäß häufig angehalten werden muß. Da die Regulierung in diesem schmalen Anwendungsbereich aber zehntelmillimeterweise erfolgt, verändert kaum jemand die Einstellung, wenn er erstmals die generell passende gefunden hat. So kann es schon mal passieren, daß bei längeren Anhaltephasen in der Stadt, ein paar Tropfen vom hinteren Antriebskranz auf die Straße tropfen.

Genau dies ist offenbar passiert. Dankbar darüber, daß der relativ kleine Tank für das Kettenöl noch nicht leer ist – ich kontrolliere ihn zwar jeden Morgen, dennoch passieren immer wieder Dinge, die niemand erklären kann – beschließe ich, aus reinem Anstand gegenüber der mir erwiesenen Aufmerksamkeit und Freundlichkeit dieses Dritten, einen Blick auf die inkriminierte Stelle zu werfen.

Die Nebenstraße bietet nur spärlich Schatten – es ist im Abstand von jeweils einigen Metern zwar irgendein mickriges Grünzeug gepflanzt, das sich aber niemals zu schattenspendenden Bäumen auswachsen würde können, scheint mir – dennoch trinke ich erstmal ausgiebig Wasser und tausche den schwarzen Helm gegen den khakifarbenen Tropenhut, der mir luftigeren Schutz gegen die nun im Zenit stehende Sonne bietet. Ich kontrolliere, ob das Öl auch tatsächlich so tropft, wie ich es erwarte und bin mit der Prüfung durchaus zufrieden. In Gedanken versunken, leicht müde von den Strapazen der vergangenen 3 Tage, trinke ich nochmals das wohlschmeckende Wasser der Quelle; es ist noch einigermaßen kühl.

Gleichzeitig mit dem Wohlgefühl, welches mir der benetzte Rachen beschert, breitet sich in mir eine leichte Unsicherheit aus… Da war doch noch etwas gewesen, das mich ein wenig irritiert... Irgendetwas stimmt nicht. Unsicher, ob vielleicht bloß die Hitze meinen Augen einen Streich spielt, beuge ich mich nochmals in Richtung Kette. Es scheint alles in Ordnung zu sein, ich beäuge sie aus verschiedenen Richtungen und kontrolliere auch, ob das Kettenrad fest sitzt – es scheint alles bestens und am richtigen Platz zu sitzen... Daher richte ich mich wieder auf. Noch in der Aufwärtsbewegung weiß ich, was mich kurz zuvor nur verunsichert hat: die Antriebskette liegt, von hinten und in aufrechter Position betrachtet, nicht im rechten Winkel auf dem Kettenrad, sondern ist in der lotrechten Achse um ein paar Grad verschoben – so weit und so viel, daß man dies mit freiem Auge gerade noch erkennen kann. *Hervorragend* durchzuckt es jene meiner Gedankenebenen, auf der man gerade noch nur denkt, Gedachtes gerade noch nicht ausspricht. Das ganze Ausmaß des Schadens offenbart sich mir anschließend, als ich die Ursache für die schiefliegende Kette genauer zu ergründen suche: eines der Kettenglieder an der Außenseite ist gebrochen und die Vernietung kann es gerade noch halten. Wäre der Bruch etwas weiter zur Mitte hin, stünde ich bereits irgendwo ohne Kette, vielleicht aber mit einer mittelschweren Verletzung am linken Bein durch die sich selbständig Machende an jener Strecke, die ich eben kam.

Das *Sauber, sog` I`* entfährt mir spontan und unkontrolliert.

Unmittelbar darauf wird mir bewußt, daß ich es nur einer glücklichen Fügung verdanke, daß ich den kurz bevorstehenden Totalbruch erkennen kann: wäre die Drehbewegung ein paar Zentimeter vor, oder nach der bewußten Stelle gestoppt worden – ich hätte den Knick nicht bemerkt.

Nach einem kurzen Moment der Unentschlossenheit, ob die Art meiner Reparaturbemühung direkt oder indirekt erfolgen soll, entschließe ich mich, den bequemeren Weg zu wählen und mir helfen zu lassen – schließlich befinde ich mich auf Urlaub. Selbst zu Feile und Zange greifen würde ich immer noch können.

Ich leiste mir einen Blick in die nahegelegene Straße, die nach Athen führt und stelle fest, daß in beiden Richtungen kein einschlägiger Betrieb, von dem ich mir Hilfe erwarten konnte, zu sehen ist, obwohl sich Geschäft um Geschäft dicht aneinanderdrängt. Daher spreche ich einen Mann im mittleren Alter an, der im Garten unmittelbar neben dem Motorrad sitzt und der, so habe ich bemerkt, bereits auf mich aufmerksam geworden ist. Ich bitte ihn, sich mein Problem anzusehen, da meine Griechischkenntnisse nicht ausreichen, um es ihm verständlich schildern zu können und er stimmt zu. Er erfaßt nach einem prüfenden Blick auf das Hinterrad und meinen einweisenden Gesten bald die Situation und berät sich kurz mit seiner Frau, die ihm seinen Sonnenhut über den Zaun reicht, der den Garten begrenzt. Dann möchte er von mir wissen, ob ich noch ein paar Schritte fahren könne; er wolle mich zum „Mechanico“ seines Vertrauens bringen. Ich bejahe und er geht vor mir her. Im Schrittempo lasse ich die Beine mitlaufen und nach ein paar Ecken haben wir das Ziel erreicht. Es ist dies ein dreieckig angelegter Raum mit dunkel abgeklebter Auslage und einer recht breiten Glastüre. Da diese halb offen steht, kann ich im Inneren eine Anzahl halbzerlegter Mopeds und Fahrräder erkennen. Heraus kommt ein stattlicher, athletisch gebauter Mann um die fünfzig und mein Lotse übergibt mich mit einer freundlichen Abschiedsgeste samt Erläuterung an den Mechaniker. Dieser konstatiert sofort, daß er sich für ein ausgewachsenes Motorrad nicht zuständig fühlt, nennt mir die Adresse einer nahegelegenen Motorradwerkstatt und beschreibt mir den Weg nach dort..

Ich hätte unterwegs vielleicht nicht die rechte, sondern halbrechte Abzweigung nehmen sollen, denn die avisierte Tankstelle mit den Motorrädern finde ich nie – stehe jedoch plötzlich vor einem Laden, der sich rühmt, „2WheelsPower“ zu sein und vor dem eine Menge aktueller heißer Eisen geparkt sind. Die Mehrzahl derer hätte auch in unseren Breiten bei vielen Bikern echte Bewunderung hervorgerufen. Mit gemischten Gefühlen stelle ich die Ténéré ab und beschließe, mir erstmal die Werkstatt anzusehen, deren Einfahrt ich neben dem sehr modernen Geschäftseingang bereits entdeckt habe. Ein Blick auf die hier arbeitenden Mechaniker kann nicht schaden.

Ich betrete eine sehr moderne, saubere und ordentlich aufgeräumte Werkstatt mit 2 Motorradhebebühnen vom Feinsten. *Gut* denke ich *auch das Motorrad soll im Urlaub etwas Besseres kriegen, als die sonst übliche Behandlung im Container*, wo ich, aufgebockt auf einer einfachen Cross-Plattform mit mechanischer Hebevorrichtung, ihm mein jeweils Bestes angedeihen lasse. Ich schildere dem einzigen vorhandenen Overallträger mein Problem auf Englisch, aber der winkt gleich ab und holt den Besitzer. Dies ist ein schlau aussehender Geschäftsmann um die 35 Jahre alt, aber eindeutig auch Motorradfahrer, das beruhigt. Er spricht ein annehmbares Englisch, allein über die Art der Problembewältigung sind wir uns nicht von Anfang an einig, ich möchte nach Möglichkeit natürlich günstig wegkommen… Den soeben von einer Probefahrt zurückgekommenen Meister nimmt er gleich nach draußen mit, sie reden kurz miteinander – alles klar, Zelt und Koffer `runter, die XT in die Werkstätte fahren, der Meister schupft in der Zwischenzeit die Triumph von der Hebebühne, an der er gearbeitet hat, die Yamaha `rauf, es müssen noch einige Verkleidungsteile der Trident beiseite geschafft werden, ich staune über die blitzartigen, synchronen Aktivitäten der Crew...

Nachdem die Ténéré festgezurrt und angehoben ist, wird die Kette genauer untersucht. Dabei stellt sich heraus, daß der neue Nirosta-Kettenschutz mit dem wunderschön ausgelaserten XT-Schriftzug, der aber wegen der auftretenden Vibrationen einriß und den ich deswegen an der rumänisch-bulgarischen Grenze weggelegt hatte, schon einige Zeit – für mich unhörbar – leicht an der Oberkante der Antriebskette geschliffen haben muß; es sind praktisch alle Kettenglieder mehr oder weniger angeschliffen, ein Tausch der gesamten Kette ist ein Muß, jede Teilreparatur wäre unvernünftig. *Ohje*, denke ich, *die nächste Kette für die alte Yamaha lagert nach meiner Einschätzung in Athen* und ich prognostiziere mir selbst, daß die nächsten 3 Tage im Glutofen von Volos meine eigenen Glieder Stück um Stück dehydrieren und anschließend abfallen lassen werden… Na gut, der Besitzer sieht trotzdem nach, ob er ein solches Teil lagernd hat, kommt bald strahlend zurück, er hat, sogar im gleichen kawagrün wie das Motorrad, samt Arbeit käme dies auf nur 500 Euro.

*Also doch* durchzuckt es mich und ich texte ein spontanes *Fassade hui, Preise pfui*. Ich muß schockiert, wenigstens aber fassungslos ausgesehen haben, denn er frägt besorgt nach, ob dieser Preis zu hoch sei; ein wenig Verwunderung ist dem Klang seiner Stimme nach zu urteilen, auch dabei. Ich sage ihm, daß diese Summe einen Großteil meines Reisebudgets darstellt und er scheint nun außer verwundert, auch noch irritiert. Das Mißverständnis klärt sich auf, als er die angepeilte Summe auf griechisch wiederholt, 50 Euro waren gemeint, Dezimalfehler, alles klar - Ich möchte ihn umarmen, kniee dann aber unter dem Applaus von Meister, Mechaniker und dem halbwüchsigen Lehrjungen doch nur vor ihm nieder um in einem Mix aus griechisch, englisch und deutsch seine Großzügigkeit und Güte zu preisen, die Werkstatt ist ja sauber.

Der Preis war wirklich in Ordnung, denke ich, die rapide Hilfsbereitschaft wurde nicht extra in Rechnung gestellt und ich konnte unglaublicherweise nach etwas mehr als einer Stunde, nachdem ich den kapitalen Schaden entdeckt hatte, meine Reise fortsetzen. Die Reparatur selbst nahm nicht mehr als 20 Minuten Zeit in Anspruch und ich hatte gegenüber meiner pessimistischen Vorstellung jener Zeitspanne, die ich in Volos zubringen würde müssen, 3 Tage gewonnen. Außerdem muß ich zugeben: der wirtschaftliche Aufschwung eines Landes, das als verschlafenes, ursprünglich belassenes Touristenparadies in der Welt bekannt wurde, hat auch seine guten Seiten.

Ich möchte den glücklichen Verlauf der beiden letzten Stunden nun mit der Leerung einer ganzen Flasche Limonade feiern und setze mich dazu in ein gemütlich aussehendes, über der Ausfallstraße leicht erhöht liegendes Cafenion, das ich bei meiner Ankunft in Volos, ein paar Stunden zuvor, bemerkt habe. Ein griesgrämig dreinblickender Wirt empfängt mich. Ich habe ihn ganz offensichtlich beim entspannten Betrachten der goldgefaßten Oberweite einer starkbebusten Moderatorin der griechischen Nachmittags-Hausfrauen-Blödelie gestört. Ich scheine der einzige unwillkommene Gast zu sein, lasse mich aber dennoch auf einem der vielen freien Tische, unter dem von der üblichen Weinranke sonnendicht zugewucherten Blätterdach, auf der angenehm luftigen Terrasse nieder. Nach einer ganzen Weile – Werbeeinschaltungen, die es einem selbst ermöglichen, wichtige Zwischendurch-Erledigungen vorzunehmen, sind in Griechenland nicht ganz so häufig wie im restlichen, werbetechnisch zu 120% erschlossenen Westeuropa – schlurft er herbei und frägt nach meinem Begehr. Dem Wunsch nach Limonade kommt er nickend nach, holt diese aus einem im Freien stehenden Getränkekühlschrank mit Klarsichttüre und füllt bei dieser Gelegenheit das vor ihm stehende Glas aus einer angebrochenen Flasche Retsina. Leicht taumelnd stellt er die Flasche zurück. Ich denke mir: *Der scheint selbst sein bester Gast zu sein* und verzeihe ihm augenblicklich.

Es ist heiß und die Limonade verdunstet innerhalb kurzer Zeit. Ich hole mir gleich selbst noch eine, dann noch eine und noch eine, da ich mich nicht getraue, die verzückte Starre des Blickes meines Gastgebers durch den Wunsch nach Deckung meiner eigenen Bedürfnisse durch ihn, zu brechen. Dabei passiere ich den Raum vor seinem Tisch, dieser zückt dann jedesmal auf meinem Rückweg den Flaschenöffner, ohne den Blick vom dicht unter den Weinblättern montierten TV-Gerät zu nehmen, ich halte die Flasche, er bezwingt den Verschluß blind, es ist ein kleines Ritual.

Die Zeche zu begleichen, gestaltet sich ein wenig problematisch. Meine kleinen Scheine sind aus, Wechselgeld für die angebotenen 100 € sind nicht in der Handkasse, was tun… Ich biete an, meinen Paß pfandleihgleich als Sicherheit für die Schuld zu stellen und die nächste Tankstelle als Wechselstube zu mißbrauchen. Selbstverständlich verpflichtet ihn sein Grieche-Sein, die Sicherstellung empört abzulehnen und ich ziehe mit Sack und Pack, inklusive Paß los. Die nächste Tankstelle, mit einem zwar eher kleingehaltenen Angebot an kreativ mißhandelten Cerealien und schmalem Ernährungsservice, präsentiert sich mir gegenüber sehr einladend: nachdem ich den Tankvorgang abgeschlossen habe, werden frischgemachte, belegte Brötchen aus einer Art Miniküche zwecks Labung durchziehender Reisender gegen einen vertretbaren Obulus, in den Verkaufsraum gebracht. Ich dezimiere das Angebot spontan um die Hälfte, packe ein paar Stück mit ein. Seit dem Frühstück an der Quelle habe ich nichts gegessen und es ist mittlerweile nicht mehr ganz so heiß.

Als ich endlich wieder am Ort der Bringschuld erscheine, werde ich voll Ungeduld und mit einer protestierenden Handbewegung empfangen. Beides wehre ich mit der Gabe eines 5 €-Scheines ab und bin gleich darauf wieder unterwegs Richtung Glyfa. Ich fahre nun doch auf der Autobahn, die ich eigentlich nur sporadisch nutzen wollte, aber noch weiß ich nicht, wann die letzte Fähre nach Agiokampos auf Euböa abfährt. Es gibt nichts frustrierenderes, als die letzte Fähre eines Tages zu verpassen oder das einzige Fahrzeug zu sein, das auch bei bestmöglicher Nutzung der vorhandenen Stellfläche nicht mehr d´raufpaßt.

Die letzten 10 km bis Glyfa sind Landesstraße. Diese ist mit engen Kurven gespickt und gerademal so breit, daß 2 PKW bequem aneinander vorbeifahren können. Ich denke mir, *das ist ein erster Vorgeschmack der Verhältnisse, die mich in Euböa erwarten* und freue mich darauf. An einer landschaftlich außerordentlich beeindruckenden Stelle, halte ich an, trotz ich mich eigentlich eilen sollte und genieße erstmals nach langer Zeit wieder das Panorama „Viel Meer mit Schiff, Land im Hintergrund und vorgelagerter Insel mit Kapelle“.

Einer jener Riesenkäfer, deren Rücken so faszinierend schillernd-grün gefärbt sind und die beim Fliegen ein gleichstarkes Brummen erzeugen wie 20 Hummeln, beehrt mich mit seiner Anwesenheit und ich lasse ihn minutenlang auf mir herumkrabbeln, gewillt, den Besuch als Zeichen zu sehen, daß ich an meinem Ziel so gut wie angekommen bin und nun nicht mehr ungeduldig zu werden brauche. Das Gefühl, die Unbill eines Tages nun fast zur Gänze erfolgreich gemeistert zu haben, vermittelt mir ein Gefühl der Ruhe und stillen Ausgeglichenheit. Obschon ich natürlich weiß, daß man keinen Tag zu früh loben soll…

2 Kommentare:

JC Thomas hat gesagt…

Sehr geschätzter Herr olpo,

haben sie vielen Dank für ihre ausführliche Urlaubsbeschreibung. Zu ihrer Schande muss die kamelin gestehen, den Ort "Euböa" nachschlagen zu müssen. Nicht einmal das Land hätte sie gewusst .o(
Die kamelin war leider noch nie in Griechenland, was die ausserordentlich bedauert, denn sowohl die Schilderungen als auch die Bilder von diesem Land, sind durchgehend wunderschön. Allerdings würde die kamelin nie und nimmer auf die Idee kommen, mit einem Motorrad eine derart weite Strecke zurückzulegen, Respekt!
(Von den technischen Kniffen in Sachen 2- und 4-Räder versteht die kamelin leider nichts).

Gegen ein- oder zwei Bilder hätte der Leser bestimmt nichts einzuwenden ,o) Nur Mut !!

Es grüsst ganz herzlich,

die kamelin

°lp° hat gesagt…

Couragierteste kamelin, die ich kenne,

ich freue mich, daß Sie die techn. Beschreibungsdinge - nach erster Prüfung - mental unbeschadet überstanden haben. Ich habe diese noch ein wenig gekürzt/tu´ ich noch. Daher ist mir ihr - als techn. Geforderte - verbleibendes Resturteil besonders lieb, so auch beim Durchstöbern des restlichen Textes Bilder entstanden zu sein scheinen.
Fotos meinen Sie, richtige Ablichtungen ? Ach, hätte ich doch mehrere gemacht; aber ich war ja so... - in meiner Reisewelt, daß ich kaum Anlaß gegeben sah, ...
Das Unörtliche Euböa ist übrigens eine ganze Insel, beinahe nur eine halbe, trotzdem eigentlich die größte GR´s. Aber das wissen Sie sicher längst ... ;-) Sollten Sie sie einmal besuchen wollen, empfehle ich Mai -> sie ist seeehr 'grün', bzw dann auch bunt.
Die 'Weite' der Strecke erschließt auch echte Weiten - das ist die Sache schon wert. Die Anfahrt aus meinen Breiten ist auch um ein paar Hunderter näher, das animiert schon mal ;)

Auch Ihnen alles Gute weiterhin, ich warte bereits auf den August-Essay ... *fg*

°lp°